LINKE SPIESSER

Slime Live im SO36
Als Antwort auf einen Taz Artikel von Jörg Sundermeier zum Slime konzert am 15.12.2010 im Berliner SO36 haben wir folgenden Leserbrief an die TAZ und den Autor geschickt… den besagten Artikel könnt ihr hier nachlesen:
Herr Sundermeier!
Ist Ihnen das Hirn eingefroren?
Das ist mit Abstand der beschissenste Artikel den die Taz seit langer Zeit zu verantworten hat. Über diesen Abend im SO36 hätte wirklich viel geschrieben werden können, allerdings ist das was Sie zu Stande gebracht haben wirklich der schlechteste und dümmste Bericht über ein Punk-Konzert, den ich jemals gelesen habe!
Mit etwas mehr Hingabe hätten Sie über die durchaus interessante Bandgeschichte Slimes schreiben können, z.B. über die Kriminalisierung der Texte, Beschlagnahme ganzer Schallplttenauflagen, über die Zeit in der die wütenden und treffenden Texte der Band entstanden sind und dem ausgedrückten, explodierenden Lebensgefühl das tausenden von jungen Leuten aus der Seele sprach. Über die Zeit der Hausbesetzungen, Anti-Nato Proteste, Anti AKW und die Autonome Subkultur der 80er Jahre, in der die Band eine wichtige Rolle gespielt hat. Von mir aus über die erdrückende Enge der Spiessergesellschaft in der BRD, die ausschlaggebend war für eine der wütendsten Jugendsubkulturen, über irgendetwas was Ihren Artikel lesenswert gemacht hätte. Aber Sie schaffen es nicht einmal ein Wort darüber zu verlieren, das die letzte Veröffentlichung der Band, eine Platte mit dem Titel „Schweineherbst“ eine der besten musikalischen Antworten auf die Neo-Nazi Pogrome der frühen 90er Jahre war, durch die Flüchtlinge und MigrantInnen von stolzen Deutschen ermordet wurden, ein Beifall klatschender Mob und hetzende Springer-Artikel die rassistische Stimmung im Land bis hin zur Grundgesetzänderung bestimmte.
Kein Wort von Ihnen zu all dem, stattdessen aneinandergereihte Diskreditierungen, die von unverschämter Unwissenheit nur so strotzen. Vielleicht ist es aber auch nur Ihre Abrechnung mit einer Subkultur, in der Sie nie mitspielen durften und von der Sie anscheinend nichts, aber auch gar nichts verstanden haben!
Anstatt einzelne Textpassagen aus dem Zusammenhang zu reissen und sie der geneigten TAZ Leserschaft vorzuführen, hätten Sie vom, bis heute in Hamburgs Innenstadt stehenden, „Kriegsklotz“ berichten können auf dem die heldenhafte Wehrmacht mit den Worten „Deutschland wird leben – auch wenn wir sterben müssen“ glorifiziert wird. Zur Kenntnisnahme: Der Text bezieht sich sowohl auf dieses faschistische Monomal, als auch auf Faschisten die bis in die 70er Jahre noch im deutschen Parlament sassen!
Ihr, in fast alles Zeilen schlechter Artikel über das Konzert und das Publikum auseinanderzunehmen ist nur zu müsam, aber so viel zu Ihrer verschobenen Wahrnehmung:
Auch wenn es nicht in ihr anscheinend verbohrtes Weltbild passt, sind Frauen sehr wohl von Anfang an aktiver Teil der Punk Szene gewesen und Frauen auf der Bühne sind einfach selbstverständlich. Im Unteschied zu Ihnen haben Wir da nie einen Unterschied festgestellt – Frauen oder Männer – wir sind einfach Punks. Fertig! Sie haben ja nicht mal bemerkt das die „neuen“ MusikerInnen in der Band Leute sind, die ihrerseits vor mehr als 20 Jahren Punkgeschichte geschrieben haben – mit den Mimmis aus Bremen, oder mit der wichtigen Punkband Hass aus Marl!
Peinlich – äusserst peinlich für einen Journalisten der sich berufen fühlt über einen Artikel über einen Abend zu schreiben, der für viele Menschen ein wichtiges Moment bedeutet hat. Den Todesfall Andreas Schwabes ausser Acht zu lassen und den bedeutenden Musiker TV Smith, der das Vorprogramm an Stelle der Razors gestaltet hat nicht zu erwähnen, bestätigt meinen Verdacht das Sie schon vor dem Konzert genau wussten, welche Ausrichtung Ihr Artikel haben wird – oder auf den Punkt gebracht: Von Punk und Protestkultur haben Sie keinen Blassen Schimmer!
Im Publikum haben sie Arbeitslose ausgemacht! Sowas! Haben Sie das an der Kleidung bemerkt? Oder verrät sich das Arbeitsscheue Pack durch diesen gewissen Blick? Respekt für Ihre Beobachtungsgabe! Vielleicht verraten Sie uns in Zukunft, wie man Leute erkennt, die keiner Lohnarbeit nachgehen, oder viel mehr was Sie mit dieser Zuschreibung überhaupt ausdrücken wollen.
Herr Sundermeier – ein weiterer total danebengegangener Seitenhieb ist ihnen gelungen, in dem Sie einen Bogen zu anderen Bands schlagen, mit dem Sie einmal mehr ihre beschämende Unwissenheit zur Show gestellt haben:
Sie müssen schon ein enorm eingeschränktes Wahrnehmungsvermögen haben, oder einfach nur total frustriert sein, um einer Band wie den „Toten Hosen“ politisches Desinteresse nachzusagen. Gerade die Hosen haben immer wieder zu aktuellen Themen Stellung bezogen und sich zum Beispiel antifaschistischen Mobilisierungen gegenüber offen verhalten. Anscheinend finden solche Statements wohl nur sehr verzerrt bis gar nicht den Weg in Ihr Hirn. Wie sollten Sie es sonst schaffen, die beherzten und ausführlichen Ansagen des Slime Sängers Dirk dermaßen verbogen darzustellen und darüber hinaus noch die dumme Dreistigkeit zu besitzen, sich über den aktuellen Bezug zu brisanten Themen lächerlich zu machen?
Kurz gesagt – Wäre Ihrem Konzertbesuch etwas Goodwill zu Grunde gelegen, hätten Sie nicht gründlich eine Chance verpatzt einen spanenden Artikel zu schreiben. Bezeichnenderweise haben Sie einen Song ganz bewusst überhört, den hat die Band in der Mitte des wirklich grandiosen Konzertes gespielt – der Titel des Evergreen heisst „linke Spiesser“ und den würde ich Ihnen hiermit gerne in voller Lautstärke um die Ohren knallen!
seven resist – Disorder Rebel Store.
fotos von Libertinus
SLIME
Deutschland wird leben... SLIME gaben die passende Antwort.

2 comments on LINKE SPIESSER

  1. In memorandum für die TAZ! (27.01-29.01 1978)
    Uns langt’s jetzt hier! ­Der Winter ist uns zu trist, der Frühling zu verseucht und im Sommer ersticken wir hier. Uns stinkt schon lange der Mief aus den Amtsstuben, den Reaktoren und Fabriken, von den Stadtautobahnen. Die Maulkörbe schmecken uns nicht mehr und auch nicht mehr die plastikverschnürte Wurst. Das Bier ist uns zu schal und auch die spießige Moral. Wir woll’n nicht mehr immer dieselbe Arbeit tun, immer die gleichen Gesichter zieh’n. Sie haben uns genug kommandiert, die Gedanken kontrolliert, die Ideen, die Wohnung, die Pässe, die Fresse poliert. Wir lassen uns nicht mehr einmachen und kleinmachen und gleichmachen. ­ Wir hauen alle ab! ­ … zum Strand von Tunix.
    In postum TAZ,Sundermeier und Konsorten = HIRNTOT

  2. Moin,
    vielen Dank für deine Antwort auf den TAZ Artikel, der ja tatsächlich von linker Spiessigkeit nur so strotzt. Über den kleinen Riot nach dem ersten Konzert kann man durchaus zwei Meinungen haben, es muss ja nicht unbedingt sein, daß direkt vor dem SO36 die hauseigenen Müllcontainer angezündet werden sollten, da der Laden auch mit spiessigen Anwohnern so seine Probleme hat. Das wurde aber von den SO36 Leuten verhindert und was dann weiter passiert ist, ist letztendlich ein verständlicher Ausdruck von Wut und Abneigung gegen einen Staat, der sich gerade in den letzten Jahren immer mehr zum großen Bruder im Sinne von George Orwell entwickelt hat. Die TAZ hat übrigens beim SO36 am Donnerstag angefragt, ob man sich von den sogenannten Krawallen distanzieren würde, was das SO36 nicht machen wollte. „Wenn der Ferrari vor der Haustür brennt, hast du den Geist der Zeit verpennt“.

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